Erfahrungen Auswahlseminar Studienstiftung des dt. Volkes

Ersteindrücke – Vorstellungen – Anreise

Ich bin nach meinem Abitur 2008 für die Studienstiftung des deutschen Volkes vorgeschlagen worden und habe zwischenzeitlich meinen Zivildienst abgeleistet, sodass ich erst jetzt (März 2010) zu einem Auswahlseminar eingeladen wurde. Meinen 3 ½ seitigen Lebenslauf und alle geforderten Zeugnisse hatte ich eingeschickt und es folgte eine Einladung in die Jugendherberge Bad Homburg bei Frankfurt/Main in unmittelbarer Nähe zu meiner FH (Hochschule Darmstadt, Informatik). Ich habe übrigens das erste Semester Informatik gerade hinter mir.

Daheim sollte man sich auf ein 10minütiges Referat zu einem beliebigen Thema vorbereiten. Weitere Ausführungen zu den einzelnen Stationen auf dem Auswahlseminar folgen dann später. Mir war schon etwas mulmig was einen da so erwartet aber ich bin trotzdem optimistisch hingefahren. Die Anreise war bis 18 Uhr möglich, danach gab es dann gleich gemeinsames Abendbrot.

Am Bahnhof in Bad Homburg angekommen zerstreuten sich meine Bedenken. Die erste Person, die mir auffiel war ebenfalls mit großem Rucksack bekleidet und trug eine lilafarbene Leggins mit Löchern und einen Pali-Schal. Klasse, also doch nicht alles piekfeine Leute! Man sollte zwar so kommen, wie man sich wohlfühlt – aber man weiß ja nie. In der Jugendherberge angekommen macht man sich erst mal an den etwas verwirrend aufgebauten Plan, in dem dokumentiert ist wann welche Person zu welchem Gespräch erscheinen soll. Wir waren 44 Leute und wurden in 8 Gruppen unterteilt. Nachdem man dann einem Zimmer zugewiesen wurde stellte sich eigentlich sofort heraus, dass absolut jeder die genau gleichen Bedenken hatte: Anzugtragende, realitätsfremde Übernerds. Beim ersten Abendbrot haben sich sofort interessante Gespräche eingestellt und die Zeit verging wie im Flug. Die 8 Mitglieder der Auswahlkommission – bestehend aus ehemaligen Stipendiaten und Professoren verschiedener Fachrichtungen – stellten sich danach noch vor und hinterließen einen überwiegend sympathischen Eindruck.

Der erste Tag

Mein erster Tag begann direkt mit dem Gruppengespräch. Der 10minütige Vortrag ist thematisch komplett frei, sollte aber auf jeden Fall laienverständlich rübergebracht werden. Schließlich sind verschiedenste Studienfächer vertreten. Anschließend folgt eine 15minütige Diskussion zum Thema. Tipp: Sucht euch ein nicht „ausgelatschtes“, diskutables Thema zu dem es verschiedene Meinungen gibt. Mein Thema war die Kulturflatrate was eigentlich auch gut geklappt hat. Andere wiederum haben sich für die altbewährten Kalauer (gähn) wie Atomkraft entschieden oder ein total undiskutables Thema wie „Der Weg ins Ausland für Architekten“ genommen. Letztendlich hat aber zu jedem Thema eine Diskussion stattgefunden, schließlich ist ja jeder interessiert daran, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Der Prüfer selbst sitzt in der Ecke des Raumes und will (nach eigener Aussage) „gar nicht beachtet werden“. Mein Vortrag war sicher etwas länger als 10 Minuten aber gesagt hat keiner was. Wenn man sich zwischen 7 und 13 Minuten befindet sollte das schon okay sein. Sehr angenehm ist zu vermerken, dass das Bewertungsschema kein „Gegeneinander“ provoziert, also niemand den anderen „Ausstechen“ kann oder will. Theoretisch kann jeder, aber auch keiner genommen werden.. Für Details zum Bewertungsverfahren verweise ich gerne auf diese hilfreiche Seite (Abschnitt „Was wird bewertet“).

Der Prüfer schreibt eifrigst bei jeder Aussage mit, achtet wahrscheinlich auf Diskussionsverhalten, Körpersprache, Selbstsicherheit etc.pp. Wir haben in unserer Gruppe am Vorabend bereits ein paar Diskussionspunkte zu den einzelnen Themen gesammelt (empfehlenswert!), um im Notfall nicht wortlos dazusitzen. Man muss bei allen Referaten aller Gruppenmitglieder (bei mir 5 incl. meines eigenen Referats) anwesend sein und mitdiskutieren. Hier also auf keinen Fall zu sehr in den Vordergrund spielen sondern einen kompetenten, selbstsicheren und höflichen Eindruck vermitteln. Der Prüfer gibt keinerlei Feedback oder Emotionen von sich, die Atmosphäre war sehr locker.

Der Zeitplan ist oft dicht gesteckt, sodass man zwischen einem Vortrag und seinem Einzelgespräch gerade genug Zeit hat, um den Raum zu wechseln.

Nun stand auch gleich das erste Einzelgespräch an. Mein Prüfer war hier ein Wirtschaftswissenschaftler (total fachfremd). Es ging allgemein um meinen bisherigen Lebensweg und meine Gründe für die Berufswahl. Als wir dann tiefer auf mein Studiengebiet zu sprechen kamen und ich ihm laienverständlich informatische Zusammenhänge erklärte, wurde er erstaunlich konkret und war sehr an meinen Ausführungen interessiert. Irgendwann kam dann „Herr Müller, sie können mit mir ruhig so reden als würde ich eine Ahnung von ihrem Fachgebiet haben“. Ganz erstaunt fuhr ich fort und ging mehr ins Detail. Am Ende stellte sich heraus, dass er auch Prof in meinem absoluten Fachgebiet war und Mega-Ahnung hatte – klasse! Am Schluss kamen dann noch paar allgemeine Fragen zum Lebenslauf und meinen Zukunftsplänen sowie die Frage, ob ich denn noch was erzählen möchte, was noch nicht zu Sprache kam. Alles in allem sehr angenehm, freundlicher Mensch, lockeres Gespräch.

Nach dem Abendessen, paar allgemeinen Infos zur Studienstiftung und einem Kneipenabend mit den Leuten brach Tag 2 an.

Der zweite Tag

Das zweite Auswahlgespräch fand gleich nach dem Frühstück (welches es ab 7 Uhr gibt) statt. Noch heiter von Einzelgespräch Nummer 1 befand ich mich in einer „Jetzt kann ja nix mehr schiefgehen“-Verfassung. Die Prüferin (sehr jung, Wirtschaftswissenschaften) machte erst einen ganz freundlichen Eindruck aber die Fragen wurden schnell provokant bis unangenehm. Im Nachhinein glaube ich aber, dass Sie nur das eigene Verhalten unter Stress abklopfen wollte. Während dem Gespräch allerdings hatte ich das Gefühl, dass Sie mich (oder meinen Studiengang?) nicht besonders mochte. Man kann sich zwar laut Angabe der Studienstiftung auf Einzelgespräche nicht vorbereiten, allerdings ist es durchaus ratsam, sich auf ein paar Fragen eine Antwort parat zu legen.

Als da wären: „Was bedeutet für sie der Begriff Verantwortung?“, „Wie gehen sie mit Misserfolgen um“, „Was sind ihre Stärken / Schwächen?“, „Was war das schlimmste / schönste Erlebnis während ihrer Schullaufbahn?“ und „Wo sehen sie sich selbst in 10 Jahren?“. Auch zum Weltgeschehen wurde Kenntnis abgeklopft, es kann also nichts schaden, Zeitung zu lesen. Kostprobe: „Was halten Sie davon, dass Länder in denen das Hauptverkehrsmittel der Ochsenkarren ist in die EU eintreten und die Wirtschaftsleistung der wohlhabenden Länder beeinflussen?“. Sehr provokante Frage! Hier auf jeden Fall gelassen reagieren. Auch persönlich wurden einige Sachen gefragt, die ich so nicht erwartet hatte (die Dame hatte den Lebenslauf sehr gründlich gelesen): „Der typische Informatiker sitzt ja doch eher im Keller. Ich kann z.B. auf ihrem Campus mit Sicherheit 90% der Informatiker als solche erkennen. Wie stehen sie dazu?“. 1:1 hat sie das so zwar nicht gefragt, aber sinngemäß kam es so rüber. Leicht geschockt habe ich mich meines Erachtens nach ganz gut aus der Situation befreit und nach dem abschließenden Mittagessen folgte die Abreise.

Das Zwischenmenschliche

Ich habe ja vorhin schon mal anklingen lassen, dass eigentlich jeder das gleiche an Publikum befürchtet hat (spießige Superintelligente) und am Ende eigentlich alle Leute total locker drauf waren. Durch die für jeden gleiche Belastung entsteht natürlich auch besonders schnell ein Zusammenhalt. Was mich sehr positiv überrascht hat, war die ehrliche Höflichkeit und das ernstgemeinte Interesse an der Lebensgeschichte untereinander. Wie oft hat man schon Gespräche geführt / führen müssen, die eigentlich nur auf Selbstprofilierung des Gegenüber ausgelegt waren.

Viele Leute haben mit 21 wirklich schon bemerkenswerte Erfahrungen gemacht (z.B. Mitbegründer einer theologisch-philosophischen Strömung) – und sind trotz dessen total bodenständig geblieben. Jeder hatte auch eine lustige Seite und keine Angst vor derbem Humor, Befürchtungen hinsichtlich des Zwanges zu hochgestochener Aussprache sind also unangebracht. Alles in allem sehr interessante Bekanntschaften, die hoffentlich auch erhalten bleiben werden (es kommen ja alle aus der gleichen Gegend). Aus dem Seminar ging eigentlich jeder mit der Einstellung heraus, dass es ein tolles Wochenende war und man sein Bestes gegeben hat – ob man nun genommen wird oder nicht. Das Ergebnis soll nach 2 Wochen per Post geschickt werden, mal sehen. Werde ein Update hier hereinschreiben, wenn ich mehr weiß. Als Tipp kann ich euch nur mitgeben, die Sache so locker wie möglich auf euch zukommen zu lassen und davon auszugehen, dass alle anderen Kandidaten genauso ticken wie ihr.

Wenn ihr Fragen zu meinen Ausführungen habt, könnt ihr mir gerne eine Mail schreiben.

Update 22.03.2010

Nach knapp 2 Wochen Wartezeit auf den Brief hatte ich den großen Umschlag mit allen weiteren Unterlagen im Briefkasten (=angenommen). Rückblickend kann ich nur nochmal sagen, dass ihr euch auf garkeinen Fall verstellen braucht oder irgendwelche besonders interessanten Sachen für den Lebenslauf „erlügen“ müsst oder solltet – Ganz viele der Leute, die angenommen wurden waren total unbeschwert einfach sie selbst, ohne sich selbst besonders hervorzuheben. Sollte noch etwas passieren, was ich für besonders mitteilenswert halte, werde ich es auf dieser Seite berichten.

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3 Antworten auf Erfahrungen Auswahlseminar Studienstiftung des dt. Volkes

  1. Florian Reifschneider sagt:

    Hey,

    ich (22, Informatik Student in Frankfurt, 5. Semester) habe heute meine Einladung für das Auswahlseminar in zwei Wochen bekommen. Nachdem mir erstmal ordentlich das Herz in die Hose gerutscht ist, habe ich nach Erfahrungsberichten gesucht und bin auf deinen Blog/Artikel gestoßen. Der hat mich schon direkt einmal etwas froher gestimmt und ermutigt, da du einige meiner Bedenken angesprochen hast.
    Falls du mir noch etwas Besonderes auf den Weg mitgeben willst/kannst, würde ich mich über eine Mail freuen :)

    Grüße

  2. Melanie sagt:

    Hallo David,

    Mir geht es ähnlich wie Florian, in zwei Wochen steht mein Auswahlseminar in Bad Honnef an und nun bin ich über deinen Artikel gestolpert. Vielen Dank, dass du ihn verfasst hast, hat auch mir weitergeholfen und mich sehr aufgeheitert:)

    Viele Grüße,
    Melanie

  3. Korbinian sagt:

    Hallo David,

    danke für den Erfahrungsbericht. Die Referate sind inzwischen nur mehr 7 Minuten lang!

    Ich hatte während meines Studiums auch einige Stipendien und habe inzwischen ein Buch geschrieben, in dem ich alle meine Tipps zur Bewerbung gebe. Das ist bestimmt für manche hier interessant: http://www.stipendiumbewerbung.de/

    Viele Grüße,

    Korbinian

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